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Warum die Ausrichtung entscheidend ist
Die Himmelsrichtung, in die Ihr Dach zeigt, ist einer der wichtigsten Faktoren für den Ertrag einer Solaranlage. Sie bestimmt, wann und wie viel Sonnenlicht auf die Module trifft. In der Schweiz, die zwischen dem 46. und 48. Breitengrad liegt, steht die Sonne im Jahresmittel im Süden am höchsten – daher gilt die Südausrichtung traditionell als optimal.
Doch die Realität ist differenzierter: Moderne hocheffiziente Module, veränderte Stromverbrauchsmuster und die zunehmende Bedeutung von Eigenverbrauch haben das Bild gewandelt. Heute kann eine Ost-West-Anlage in vielen Fällen wirtschaftlich attraktiver sein als eine reine Südanlage.
Um die optimale Ausrichtung zu bestimmen, müssen mehrere Faktoren berücksichtigt werden: die geographische Lage, die Dachneigung, der persönliche Stromverbrauch, mögliche Verschattung und natürlich die baulichen Gegebenheiten des Daches. Dieser Artikel gibt Ihnen alle Informationen, um die Eignung Ihres Daches fundiert zu beurteilen.
Kernaussage
Die perfekte Ausrichtung gibt es nicht pauschal. Entscheidend ist die Kombination aus Himmelsrichtung, Neigungswinkel und Ihrem persönlichen Verbrauchsprofil. Fast jede Ausrichtung kann heute wirtschaftlich sinnvoll sein.
Azimut-Winkel verstehen
Der Azimut-Winkel beschreibt die Abweichung der Dachfläche von der exakten Südrichtung. Er wird in Grad gemessen, wobei Süden dem Wert 0° (oder 180° in der geographischen Notation) entspricht. Positive Werte zeigen nach Westen, negative nach Osten.
In der Praxis bedeutet das: Ein Dach mit Azimut 0° zeigt exakt nach Süden, ein Dach mit Azimut +45° nach Südwesten und ein Dach mit Azimut -90° nach Osten. Die meisten Planungstools und Simulationsprogramme verwenden diese Konvention.
Für die Bestimmung des Azimutwinkels Ihres Daches gibt es mehrere Möglichkeiten. Die einfachste Methode ist die Nutzung von Google Maps oder der Swisstopo-Karte: Zoomen Sie auf Ihr Haus und bestimmen Sie die Ausrichtung der Dachfläche relativ zur Nordrichtung (die auf Karten immer nach oben zeigt). Genauer ist die Messung mit einem Kompass direkt am Gebäude oder die Nutzung von Smartphone-Apps wie «Kompass» oder «Sun Surveyor».
Für eine professionelle Planung wird der Azimutwinkel zusammen mit der Dachneigung in Simulationstools wie PVsyst oder PVSOL eingegeben. Diese Programme berechnen dann den erwarteten Jahresertrag basierend auf den lokalen Einstrahlungsdaten. Bereits Abweichungen von 5–10° können einen messbaren Unterschied im Ertrag ausmachen, wenngleich die Auswirkungen in der Praxis oft gering sind.
| Azimut | Himmelsrichtung | Relativer Ertrag< /th> |
|---|---|---|
| 0° | Süd | 100% | ±30° | SSO / SSW | 97–98% |
| ±45° | SO / SW | 94–96% |
| ±60° | OSO / WSW | 90–93% |
| ±90° | O / W | 83–87% |
| ±135° | ONO / WNW | 70–76% |
| 180° | N | 55–65% |
Südausrichtung: Der Klassiker
Ein nach Süden ausgerichtetes Dach erzielt in der Schweiz den höchsten Jahresertrag. Bei einer optimalen Neigung von 30° kann eine 10-kWp-Anlage in Zürich rund 10'500–11'000 kWh pro Jahr produzieren, im sonnenverwhnten Wallis sogar 12'000–13'000 kWh.
Der Grund für die Überlegenheit der Südausrichtung ist einfach: Die Sonne erreicht in der Schweiz ihren höchsten Stand im Süden. Im Sommer steht sie zur Mittagszeit etwa 65° über dem Horizont, im Winter nur etwa 19°. Ein nach Süden geneigtes Dach fängt die Strahlung über den gesamten Tag am effizientesten ein.
Allerdings hat die Südausrichtung auch einen Nachteil: Die Produktionsspitze fällt in die Mittagsstunden, wenn viele Haushalte wenig Strom verbrauchen. Das führt dazu, dass ein grosser Teil des produzierten Stroms ins Netz eingespeist werden muss – zu Tarifen, die deutlich unter dem Bezugspreis liegen. Dieser Effekt wird als «Mittagsspitze» bezeichnet und kann die Wirtschaftlichkeit einer reinen Südanlage gegenüber einer Ost-West-Anlage reduzieren.
Dennoch bleibt die Südausrichtung in vielen Fällen die beste Wahl, insbesondere wenn ein Batteriespeicher vorhanden ist, der die Mittagsproduktion für den Abendverbrauch zwischenspeichert, oder wenn eine Wärmepumpe tagsüber Strom verbraucht. Auch für die Einspeisung bleibt die Südausrichtung optimal, da die absolute Produktionsmenge am höchsten ist.
Ost-West: Die clevere Alternative
Die Ost-West-Ausrichtung hat sich in den letzten Jahren als attraktive Alternative etabliert. Bei dieser Konfiguration werden Module sowohl auf der Ost- als auch auf der Westseite des Daches montiert – oder bei Flachdächern in Ost-West-Reihen aufgeständert.
Die Vorteile dieser Konfiguration sind vielfältig. Erstens verteilt sich die Stromproduktion gleichmässiger über den Tag: Morgens produziert die Ostseite, nachmittags die Westseite. Das Ergebnis ist eine flachere, breitere Produktionskurve, die besser zum typischen Verbrauchsprofil eines Haushalts passt.
Zweitens können auf einem Satteldach mit Ost-West-Ausrichtung beide Dachflächen genutzt werden, was die installierte Leistung verdoppelt. Obwohl jede Seite einzeln nur 83–87% des Südertrags bringt, übersteigt die Gesamtproduktion oft die einer reinen Südanlage auf nur einer Dachseite.
Drittens ist auf Flachdächern die Ost-West-Aufständerung besonders vorteilhaft: Die Module können in flacherem Winkel (10–15°) aufgestellt werden als bei Südausrichtung (25–30°), was weniger Reihenabstand erfordert und somit mehr Module pro Dachfläche ermöglicht – bis zu 30% mehr installierte Leistung.
Praxis-Tipp
Bei Satteldächern mit Ost-West-Ausrichtung empfiehlt es sich, beide Dachflächen zu belegen. Die Mehrkosten für die zweite Seite sind gering (nur Module und Montage), während der zusätzliche Ertrag erheblich ist. Nutzen Sie Leistungsoptimierer oder Mikro-Wechselrichter, um jede Dachseite unabhängig zu optimieren.
Erträge nach Ausrichtung in der Schweiz
Die folgenden Ertragsdaten basieren auf typischen Einstrahlungswerten für das Schweizer Mittelland (Zürich, Bern, Luzern) bei einer Dachneigung von 30° und einer Anlagenleistung von 10 kWp.
| Ausrichtung | Jahresertrag (kWh) | Relativ th> Sommerertrag | Winterertrag | |
|---|---|---|---|---|
| Süd (0°) | 10'500 | 100% | 7'200 | 3'300 |
| Süd-Ost (-45°) | 9'975 | 95% | 7'000 | 2'975 |
| Süd-West (+45°) | 9'975 | 95% | 6'900 | 3'075 |
| Ost (-90°) | 8'925 | 85% | 6'300 | 2'625 |
| West (+90°) | 8'925 | 85% | 6'200 | 2'725 |
| Nord (180°) | 6'300 | 60% | 4'800 | 1'500 |
Beachten Sie, dass diese Werte Durchschnittswerte sind. In sonnenbegünstigten Regionen wie dem Wallis, dem Tessin oder dem Engadin können die absoluten Erträge bis zu 20% höher ausfallen. In nebelanfälligen Regionen wie dem Mittelland oder dem Jura können sie dagegen etwas tiefer liegen.
Ein wichtiger Aspekt ist der Winterertrag: Südausgerichtete Anlagen produzieren im Verhältnis mehr Winterstrom als Ost- oder Westanlagen. Da Winterstrom in der Schweiz besonders wertvoll ist (höhere Strompreise, Importabhängigkeit), kann dies ein Argument für die Südausrichtung sein. Der geplante Winterstrom-Bonus ab 2026 verstärkt diesen Effekt zusätzlich.
Für die Produktion von Winterstrom sind steilere Neigungswinkel (45–60°) oder vertikale Fassadenanlagen vorteilhaft, da die tief stehende Wintersonne diese Flächen besser trifft. Eine Südfassade kann im Winter fast so viel produzieren wie ein geneigtes Dach im Sommer – ein Aspekt, der bei der Gesamtplanung berücksichtigt werden sollte.
Zusammenspiel von Ausrichtung und Neigung
Ausrichtung und Neigung sind untrennbar miteinander verbunden. Die optimale Neigung hängt von der Ausrichtung ab und umgekehrt. Für ein nach Süden ausgerichtetes Dach ist die optimale Neigung in der Schweiz etwa 30° für den maximalen Jahresertrag. Für Ost- oder Westdächer ist eine etwas flachere Neigung von 20–25° vorteilhafter.
Der Grund liegt in der Sonnenbahn: Bei Südausrichtung soll das Dach möglichst senkrecht zur Mittagssonne stehen (im Jahresmittel). Bei Ost-West-Ausrichtung ist die Sonne zum Zeitpunkt der maximalen Einstrahlung auf diese Fläche tiefer am Horizont, weshalb ein flacherer Winkel besser ist.
Eine einfache Faustregel lautet: Je weiter die Ausrichtung von Süden abweicht, desto flacher sollte die Neigung sein. Bei Nordausrichtung ist eine möglichst flache Neigung (unter 20°) am besten, da das Dach so am meisten diffuse Strahlung einfangen kann – direkte Sonnenstrahlung trifft ohnehin kaum auf die Nordseite.
Die folgende Matrix zeigt den relativen Ertrag (in Prozent des Maximums) für verschiedene Kombinationen von Ausrichtung und Neigung im Schweizer Mittelland. Der Höchstwert von 100% entspricht der Kombination Süd/30°.
| Neigung | Süd | SO/SW | O/W | Nord |
|---|---|---|---|---|
| 0° (flach) | 87% | 87% | 87% | 87% |
| 15° | 95% | 93% | 88% | 78% |
| 30° | 100% | 95% | 85% | 65% |
| 45° | 97% | 91% | 78% | 55% |
| 60° | 88% | 83% | 68% | 48% |
| 90° (Fassade) | 60% | 57% | 48% | 35% |
Ausrichtung und Eigenverbrauch
Der Eigenverbrauchsanteil – also der Anteil des selbst produzierten Stroms, der direkt im Haushalt verbraucht wird – ist ein entscheidender Faktor für die Wirtschaftlichkeit einer Solaranlage. Hier zeigt sich ein klarer Vorteil der Ost-West-Ausrichtung.
Eine typische Südanlage ohne Speicher erzielt einen Eigenverbrauchsanteil von 25–35%. Der Grund: Die Produktionsspitze um die Mittagszeit übersteigt den Verbrauch bei Weitem, während morgens und abends zu wenig produziert wird.
Eine Ost-West-Anlage gleicher Leistung erreicht dagegen 35–45% Eigenverbrauch, da die Produktion gleichmässiger über den Tag verteilt ist. In Kombination mit einem Batteriespeicher steigt der Eigenverbrauch bei beiden Konfigurationen auf 60–80%, wobei der Unterschied zwischen Süd und Ost-West geringer wird.
Für die wirtschaftliche Bewertung gilt: Jede kWh Eigenverbrauch spart den vollen Strombezugspreis (aktuell 20–30 Rp./kWh), während eingespeister Strom nur den Rückliefertarif bringt (typisch 8–15 Rp./kWh). Ein höherer Eigenverbrauchsanteil kann daher eine geringere Gesamtproduktion mehr als kompensieren.
In der Praxis empfehlen wir folgende Strategie: Analysieren Sie zunächst Ihr Verbrauchsprofil. Wenn Sie tagsüber viel Strom verbrauchen (Homeoffice, Wärmepumpe, Elektrofahrzeug tagsüber laden), ist die Südausrichtung oft vorteilhaft. Wenn Ihr Verbrauch hauptsächlich morgens und abends stattfindet, spricht das für eine Ost-West-Lösung.
Tools zur Bestimmung der Dachausrichtung
Zur Bestimmung und Optimierung der Dachausrichtung stehen verschiedene Tools zur Verfügung, die von einfachen Kompass-Apps bis zu professioneller Planungssoftware reichen.
Sonnendach.ch (Swisstopo): Das kostenlose Schweizer Bundesamt für Energie bietet mit sonnendach.ch ein hervorragendes Tool zur Erstbewertung. Es zeigt die Solareignung jedes Daches in der Schweiz, einschliesslich Ausrichtung, Neigung und erwartetem Ertrag. Die Daten basieren auf dem digitalen Höhenmodell der Schweiz und berücksichtigen auch die Verschattung durch umliegende Gebäude und Gelände.
Google Earth / Maps: Für eine schnelle Einschätzung der Dachausrichtung reicht oft ein Blick auf die Satellitenansicht. Die Nordrichtung zeigt nach oben, und Sie können die Ausrichtung Ihres Daches mit dem Nordpfeil vergleichen.
Kompass-Apps: Smartphone-Apps wie «Kompass» (iOS) oder «Smart Compass» (Android) ermöglichen eine Messung direkt am Gebäude. Stellen Sie sich an die Dachkante und messen Sie den Winkel zur Nordrichtung. Die Genauigkeit liegt bei etwa 2–5°, was für eine Erstbewertung völlig ausreicht.
Sun Surveyor: Diese App zeigt den Sonnenverlauf in Augmented Reality auf Ihrem Smartphone-Bildschirm. Sie können damit direkt sehen, wann und wo die Sonne auf Ihr Dach scheint – für jede Jahreszeit.
PVsyst / PVSOL: Für professionelle Planungen sind diese Simulationsprogramme der Standard. Sie berechnen den erwarteten Ertrag unter Berücksichtigung aller relevanten Faktoren: Ausrichtung, Neigung, Verschattung, Modultyp, Wechselrichter, Verkabelung und lokale Klimadaten.
Fazit und Empfehlungen
Die Dachausrichtung ist ein wichtiger, aber nicht allein entscheidender Faktor für die Eignung eines Daches für Solaranlagen. Hier sind unsere Empfehlungen zusammengefasst:
Südausrichtung (0° ±30°): Ideal für maximale Gesamtproduktion. Besonders empfehlenswert mit Batteriespeicher, Wärmepumpe oder E-Auto-Ladung tagsüber. Bester Winterertrag.
Südost/Südwest (±30°–60°): Exzellent – mit 94–98% des Südertrags praktisch gleichwertig. Vorteil Südwest: mehr Nachmittagsproduktion, wenn der Verbrauch typischerweise steigt.
Ost/West (±90°): Hervorragend für hohen Eigenverbrauch. Ideal auf Satteldächern (beide Seiten nutzen) und Flachdächern. Wirtschaftlich oft gleichwertig oder besser als reine Südanlage.
Nordausrichtung: Mit modernen Modulen und bei flacher Neigung noch wirtschaftlich. Besonders in Kombination mit einer Südanlage sinnvoll. Nicht pauschal ausschliessen, sondern individuell berechnen lassen.
Unser wichtigster Rat: Lassen Sie sich nicht von der Ausrichtung allein abschrecken. Selbst ein reines Nordostdach kann mit einer Solaranlage wirtschaftlich sein – die Modulpreise sind so stark gesunken, dass auch bei reduziertem Ertrag noch eine attraktive Rendite möglich ist. Nutzen Sie die vorgestellten Tools für eine Erstbewertung und holen Sie dann ein professionelles Angebot ein.
Nächster Schritt
Nutzen Sie den PV-Rechner, um basierend auf Ihrer Dachausrichtung eine erste Wirtschaftlichkeitsberechnung zu erhalten. Oder lesen Sie unseren Artikel zur optimalen Dachneigung, um den zweiten wichtigen Parameter zu verstehen.